Universität Zürich

MARCUSE- MIXTAPE
Credits: bpk / Abisag Tüllmann
Diesen Blog haben im Frühjahr 2023 Studierende im Geschichtskolloqium
"Herbert Marcuse: Gesellschaftskritik und Revolution" erstellt. Jede Person hat einen Song herausgesucht, den sie mit Marcuses Denken in Verbindung gebracht hat.
Pure Vernunft darf niemals siegen - Tocotronic
Pure Vernunft darf niemals siegen
Wir brauchen dringend neue Lügen
Die uns durch′s Universum leiten
Und uns das Fest der Welt bereiten
Die das Delirium erzwingen
Und uns in schönsten Schlummer singen
Die uns vor stumpfer Wahrheit warnen
Und tiefer Qualen sich erbarmen
Die uns in Bambuskörben wiegen
Pure Vernunft darf niemals siegen
Es ist der Wunsch aller, dass pure Vernunft nicht siegt und die palliativen Lügen „das Fest der Welt bereiten“?! Im Gegenteil, vielmehr ist es impertinent, dieses Delirium zu durchbrechen, den Schlummernden in der falschen Sicherheit aufzuwecken, die Bambuskörbe des Müssiggangs zu verbrennen. Der Ausbruch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ist die pure Vernunft.
Denn die Vernunft ist die Bedingung der Freiheit.
Just To Get A Rep - Madlib
"Wenn die Kunst verspräche, daß am Ende das Gute siegt und das Böse untergeht, dann wäre in dieser Form das Versprechen das genaue Gegenteil der Wahrheit: in der Wirklichkeit siegt das Böse, gibt es nur Inseln des Guten, auf die man für kurze Zeit flüchten kann. Die authentischen Kunstwerke wissen das: sie dementieren das allzu leichte Versprechen; sie versagen sich das unbeschwerte happy end."
Herbert Marcuse: Die Permanenz der Kunst. Wider eine bestimmte marxistische Ästhetik, München 1977, S. 53.
New Wage Slavery - End It
The ones below will reap the consequence from those above
​
We tip the scales in the fight for truth and love
​
This worlds a never ending cycle of pain
​
New wage slavery know that we’re not the same
New age Slavery! Feel the weight of the chains.
«Ich meine diejenige Schichten der Gesellschaft, die auf Grund ihrer Position und Erziehung noch Zugang zu den Tatsachen – ein Zugang, der wahrhaftig schwer genug ist – Zugang zum Gesamtzusammenhang der Tatsachen haben. Es sind Schichten, die noch ein Wissen und Bewusstsein haben von dem ständig sich verschärfenden Widerspruch und von dem Preis, den die sogenannte Gesellschaft im Überfluss ihren Opfern abverlangt.»
Marcuse, Das Problem der Gewalt in der Opposition 1967, S. 46.
Kapitalistenlied - Georg Kreisler
Vorstellung und Realität, Versprechung und Handlung, Freiheit und Illusion, Heuchelei, Lügen und Gewalt. Diese und weitere Themen besingt Georg Kreisler in seinen Kapitalistenlied. 1922 geboren, ist Kreisler zwar jünger als Marcuse, in seinem Metier, dem gesungenen deutschen Sprachwitz, jedoch mindestens so wegweisend und bedeutend, wie Marcuse dies in seinem Feld ist. Manchmal ist Satire so treffend, dass sie weder aktualisiert noch erklärt werden muss.
Sklave - Kraftklub
In dem Song wird thematisiert, wie man in das kapitalistische System und die Leistungsgesellschaft eingebunden ist, und damit zu Anfang eine Zufriedenheit besteht. Ähnlich lautet Marcuses Gesellschaftsdiagnose. Im Laufe des Songs entsteht eine Reflexion, bei der die Missstände des kapitalistischen Systems und das darin bestehende falsche Bewusstsein kritisiert werden, wie es auch Marcuse macht. Der Satz „Ich sage ja, meine nein“ charakterisiert dieses Bewusstsein treffend.
Tunnel Vision - Kae Tempest
The myth of the individual
​
has left us disconnected,
​
lost, and pitiful
Kae Tempest bringt in «Tunnel Vision» und dem Album «Let them eat Chaos» die Verzweiflung des Individuums angesichts der weltweiten, aber auch persönlichen Krisen, zum Ausdruck. Sie kritisiert «the myth of the individual» (der Mythos des Individuums), welcher tief in unserer westlichen Gesellschaft und dem Bewusstsein, der in dieser Gesellschaft lebenden Menschen, verankert ist/eingebrannt wurde. Strukturelle Probleme werden stets individualisiert, vor lauter Selbstoptimierung und dem Druck uns selbst zu definieren, verlieren wir uns selbst. Gleichzeitig hindert uns die Konsum- und Leistungsgesellschaft daran, diesen Individualismus zu dekonstruieren und abzubrechen.
Western Eyes - Portishead
In diesem Song kritisiert Portishead die westliche Zivilisation. Das allgemeine Gewissen wird damit beruhigt, dass der Westen viel Geld an ärmere Länder spendet. Der Kapitalismus hat uns zu " faithless greeds" gemacht. Portishead gibt das Gefühl ,dass die Welt so wie sie ist verloren ist und wir als Menschen so gefangen im kapitalistischen System, dass sich alles nur noch um den Profit dreht und die Menschlichkeit von uns selbst verloren geht. Die Sicht von Portishead auf die Welt: es schmerzt zuzuschauen was um uns und mit uns passiert.
The Blacker The Berry - Kendrick Lamar
In diesem Song thematisiert Kendrik Lamar die Divergenz zwischen schwarzer Identität, wie die weisse amerikanische Bevölkerung sie definiert und der Sichtweise der afroamerikanischen Bevölkerung auf sich selbst. Kendrick spielt dabei mit verschiedensten rassistischen Vorurteilen, die bezüglich schwarzer Identität existieren. Anstatt diese Zuschreibungen abzulehnen, emanzipiert sich Kendrick aber von ihnen, indem er sie sich aneignet. “I want you to recognize that I’m a proud monkey.”
Ghost Hardware - Burial
Burials Musik vollbringt es, die Trauer über die aktuelle Verfassung der Welt zu vereinen mit dem schmerzhaften Wissen darüber, was hätte sein können und immer noch werden kann. Wie die Gegenwart wird auch dieses Lied von einer möglichen Alterität heimgesucht. Der ausgewählte Song verweist darauf, wie die Potentialität zur anderen, besseren Gesellschaft sich durch jede Faser des Gegenwärtigen zieht und historisch nur darauf wartet, manifestiert zu werden.
Disarstar - Rolex für alle
Disarstar vermengt in seiner Musik explizit antikapitalistische und gesellschaftskritische Texte mit Mainstream-Rap. Auf Rolex für Alle spricht er ein wichtiges Element einer sozialistischen Gesellschaft an, das im Mainstream kaum jemand damit verbindet und viele von der Idee dieser Gesellschaftsform abschreckt. So sollte die sozialistische Gesellschaft nicht eine Rückkehr zu einem rudimentären Leben sein, sondern der Wohlstand (soweit in einem nicht-kapitalistischen, nicht-ausbeuterischen System möglich) erhalten bleiben – und zwar als Wohlstand für alle.
After the Gold Rush - Patti Smith
Der kapitalismuskritische Song kritisiert, wie die «Zivilisation» wie sie die Menschen bisher kannten in den 1970er Jahren zu Grunde geht. Der Songtitel "After the Gold Rush" bezieht sich auf eine post-kapitalistische Welt, in welcher "mother nature on the run" ist "in the nineteen-seventies", also eine Welt, in der die Natur durch den Kapitalismus zerstört wurde. Der Song verkörpert auch die These von Marcuse des "eindimensionalen Menschen" der unter dem Kapitalismus und seinen Zwängen leidet und sich schlussendlich in die Natur flüchtet.
Europe is Lost - Kae Tempest
Mit rohen industriellen Beats rappt uns Kae Tempest deren Zeitanalyse. Ohne Punkt und Komma packt Kae in das dicht gezeichnete Bild einer ohnmächtigen Gesellschaft Themen wie Erschöpfung, Armut und Entfremdung, das koloniale Erbe Englands, Patriotismus, Heuchelei und Korruption. Atomisierung wird mit fataler Anpassung kontrastiert, Krieg und Mord mit Konsum und Individualismus. Mit kaum zu übertreffendem Zynismus präsentiert uns Kae die menschenfeindlichen Absurditäten unserer spätkapitalistischen Realität.
"Die Besetzung von Gebäuden und die Störung des 'normalen Betriebs' sind meiner Ansicht nach keine Gründe für polizeiliches Einschreiten. Solche vorübergehenden Gesetzes- und Ordnungswidrigkeiten sind im Lichte der Verbrechen zu beurteilen, auf die sie aufmerksam machen wollen – das anhaltende Gemetztel in Vietnam und die anhaltende Unterdrückung von rassischen und nationalen Minderheiten."
​
Herbert Marcuse: Der Studentenprotest ist gewaltlos, New York Times 4.5.1969.
​